Das 3. Liturgieseminar von Jung und Jüdisch Berlin
Mitten im Holländischen Viertel in Potsdam fand vom 19. - 21. Januar 2007 das 3. Liturgieseminar von Jung und Jüdisch Berlin statt. In diesem Jahr lag der inhaltliche Schwerpunkt auf der Pessach -Haggada und dem Seder. Als Referentin konnte wieder Dr. Annette M. Böckler gewonnen werden, Unterstützung bekamen sie und die Teilnehmer des Seminars dieses Mal auch von Rabbiner Prof. Dr. Dr. Jonathan Magonet, der sich am Sonntag Vormittag in einer offenen "ask the Rabbi - Runde" den teilweise recht persönlichen Anliegen und Fragen der Seminargäste widmete.
Während des gesamten Wochenendes stand uns das Seminarhaus allein zur Verfügung, was unterstützend zu der - wie gewohnt - sehr vertraulichen und freundlichen Atmosphäre beitrug. Da wir auch viele neue Teilnehmer begrüßen durften, die an den vergangenen Liturgieseminaren nicht teilgenommen hatten, wurde vor allem im Zusammenhang mit dem Schacharit am Schabbat noch einmal Grundlegendes zum Ablauf der Gottesdienste erläutert. Die meiste Zeit des Wochenendes widmeten wir uns dann aber dem eigentlichen Seminarthema: dem Seder und der Haggada. Dabei vermittelte Annette M. Böckler zunächst einen Überblick über die buchstäbliche Ordnung des Seders und die historische Einordnung der einzelnen Stufen und Bestandteile. Deren inhaltliche Bedeutung sowie Möglichkeiten der praktischen Ausführung konnten anschließend durch direkte Textarbeit mit der Haggada deutlich gemacht werden. Während dieser Arbeit erschlossen sich jedem Teilnehmer der genaue Aufbau des Seders und der Haggada sowie das Wissen darüber, welche Texte obligatorisch oder fakultativ seien, wo welche Alternativen am Sinnvollsten eingefügt werden könnten oder wo gekürzt werden könne. Damit aber nicht nur die texttheoretische Arbeit im Vordergrund stand, erteilte Annette M. Böckler auch Vorschläge, wie der Seder praktisch umzusetzen sei. Als Unterstützung erhielt jeder Teilnehmer neben einem Reader mit Texten und Noten zwei CDs, mit denen der gesamte Seder in verschiedenen Varianten erlernt werden kann. Außer den altbekannten traditionellen Melodien wurde uns ein Überblick über den Nussach sowie über zahlreiche Neukompositionen wie etwa die von Debbi Friedmann zu den Texten der Haggada vermittelt.
Unabhängig von den offiziellen Themen der Workshops und Schiurim entwickelten sich immer wieder sehr lebhafte und intensive Diskussionen. Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl waren Gespräche dieser Art kein Problem, sondern stellten eine Bereicherung des gesamten Seminars dar. Ein oft wieder kehrender Diskussionspunkt waren beispielsweise die verschiedenen persönlichen Ansichten und Meinungen zu den 10 Plagen über die Ägypter und unseren Umgang während des Seders damit. Aber auch Fragen in Bezug auf Kaschrut, Gott oder andere Teile der Haggada wurden intensiv, aber immer freundschaftlich diskutiert. Nach der Hawdala stellte uns Annette M. Böckler mehrere teilweise sehr unterschiedliche Haggadot und deren Hintergründe vor. In diesem Zusammenhang erfuhren die Seminarteilnehmer Vieles über zum Teil auch neue Bräuche. Die Bedeutung des Miriamsbecher war den meisten Workshopbesuchern vorher ebenso unbekannt wie etwa die der Frauenseder oder Pessach scheni. Mit dem Singen - einem ständig präsenten Motiv des Wochenendes - schlossen wir dann offiziell den zweiten Seminartag ab, indem wir gemeinsam Pessachlieder sangen oder neu erlernten.
Am Sonntag war vom Frühstück bis nach dem Mittagessen Rabbiner Prof. Dr. Dr. Magonet unser Gast. Da die Gruppe der Teilnehmer während des gesamten Wochenendes schon zusammen gewachsen war, scheute sich niemand, Fragen zu stellen oder sein Anliegen zu diskutieren. Persönliche Probleme kamen dabei genauso zur Sprache wie theologische Diskussionen oder praktische Fragen verschiedenster Art.
Der letzte Workshop des Wochenendes war dann eine Ideenbörse. Dabei ging es um die individuellen Ansprüche und Erwartungen der Teilnehmer an ihren persönlichen Seder: Während die Eine einen Gemeindeseder für 80 verschiedene Personen auszurichten habe, der Andere für den Seder in einer Studentengruppe die Balance zwischen akademischen Anspruch und Spaß einhalten müsse, sorgte sich die Dritte darum, wie sie den Seder für ihre Kinder möglichst kurzweilig gestalten könne. In der abschließenden Diskussion wurden für die verschiedenen Anliegen Lösungen diskutiert, Vorschläge unterbreitet und Anleitungen gegeben.
In der Schlußrunde bestätigte sich dann noch einmal, was während des gesamten Wochenendes schon deutlich geworden war: Das Liturgieseminar ist ein Ort an dem unterschiedliche Menschen mit völlig verschiedenen Hintergründen, Anliegen und Fragen zusammenkommen, um etwas über die Liturgie ihrer Religion zu lernen, gemeinsam zu feiern, Gottesdienste zu gestalten und neue Freundschaften aufzubauen.